An den stellvertretenden Vorsitzenden der

Kommission zur Untersuchung von Vowuerfen wiss. Fehlverhaltens

Christian-Albrecht-Universitaet Kiel

Herrn Prof. Dr. Dr. I. Cascorbi

Christian-Albrecht-Platz 4

24118 KIEL                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                07.06.2014

betr.: Antrag auf Klaerung, ob das Habilitationsverfahrens Schleiff (Thema: Salztoleranz im Bewaesserungsfeldbau….) den ‚Richtlinien guter wissenschaftlicher Praxis’, publiziert von der DFG-Kommission ‚Selbstkontrolle in der Wissenschaft’, eingehalten wurden oder ein wissenschaftliches Fehlverhalten vorgelegen hat

 

Sehr geehrter Herr Professor Cascorbi,

es ist zu begruessen, dass die CAU eine ‚Vorreiterrolle’ bei der Qualitaetskontrolle und Transparenz wissenschaftlichen Arbeitens spielen will und diesen Vorsatz auch auf Altfaelle anwenden wird. Laut Kieler Nachrichten vom 22.05.2013 (Autorin Martina Drexler) sollen im Betrugsfall keine Verjaehrungsfristen gelten, wie es von anderen Universitaeten (siehe Schavan, Lammert) bereits praktiziert wurde. Mit dem Artikel wird der Eindruck erweckt, dass die CAU es mit der Aufklaerung von Fehlverhalten auch in der Vergangenheit sehr ernst meint (‚revolutionaere Schritt’, ‚wir wollen das nicht!’) und sie sich der Gefahren bewusst ist, die von unredlichem Denken und Handeln ausgeht.

Zu Ihrer Entscheidung vom 21.10.13, mit dem Sie meinen Antrag vom 07.03.2013 auf Neubewertung meiner Habilitationsleistung ablehnen und die vom Ministerium fuer Bildung und Wissenschaft mit Schreiben vom 05.05.2014 grundsaetzlich bestaetigt wurde, moechte ich Stellung nehmen. Ich habe verstanden, dass Ihre Kommission lediglich die Einhaltung der formalen Durchfuehrung entsprechend der Habilitionsordnung (HO) von 1976 vorgenommen hat. Eine Anwendung der von der DFG erarbeiteten ‚Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis’ (Denkschrift der Kommission ‚Selbstkontrolle in der Wissen-schaft’, 2013) auf meine Habilitationsschrift haben Sie nicht erwogen, obwohl sich die CAU laut KN oeffentlichkeitswirksam auf die Fahne geschrieben hat, auch Altfaelle aufzuarbeiten: Wissenschaft verjaehrt ja nicht!

Ihre Entscheidung, die DFG-Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis’ nicht auf meine Arbeit anwenden zu wollen, ist mir unverstaendlich, wenn es Ihnen als ‚Kommission fuer wiss. Fehlverhalten’ um eine ernsthafte Klaerung meines Falles geht. Ihr Vorsatz, sich ausschliesslich auf die Anwendung der HO 1976 zu beziehen, kann schliesslich nicht Ziel fuehrend sein im Sinne einer Aufklaerung von Fehlverhalten, denn es war ja bekanntlich diese HO, die zu einer missbraeuchlichen und willkuerlichen Auslegung und Vetternwirtschaft durch geneigte Professoren einlud und so auch grobes ,wissenschaftliches Fehlverhalten’ ermoeglichte. Ein solcher Vorsatz, die DFG-‚Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis’ unter keinen Umstaenden anwenden zu wollen, weckt bei mir Erinnerungen an Diskussionen nach 1945, als Alt-Nazis (z.B. Ministerpraesident Hans Filbinger) ihr Handeln waehrend des ‚Dritten Reiches’ nicht nach rechtlichen und moralischen Massstaeben der Nachkriegszeit beurteilt wissen wollten, sondern auf der Beurteilung nach Nazi-Recht pochten. Damit sind diese Herren damals gluecklicherweise nicht durchgekommen. Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass Ihre Entscheidung eine reine Willensfrage ist: Sie wollen keine Ueberpruefung nach den ‚Regeln guter wissen-schaftlicher Praxis’. Warum eigentlich nicht?

Sie schreiben ferner, dass Sie keine Anhaltspunkte fuer ein wissenschaftliches Fehlver-halten seitens der Fakultatet erkennen koennen. Diese Feststellung treffen Sie vor dem Hintergrund, dass lediglich ein Gutachter (K. Mengel) meine Arbeiten negativ bewertet hat, dem aber drei positive Bewertungen gegenueber stehen. Und wenn man die Begutachtung der international ‚peer-reviewed’ Publikationen einbezieht, so standen dem einen negativen etwa 20 positive gegenueber. Wenn das fuer Sie nicht ein deutlicher Hinweis auf moegliches Fehlverhalten und Unredlichkeit ist, was dann? Immerhin hielt es die Fakultaet der Agrar- und Ernaehrungswissenschaften der CAU in 2011 fuer notwendig, in §9(1) ihrer HO festzuschreiben, dass die Entscheidung ueber die Habilitationsschrift ‚nicht von der mehr-heitlichen Empfehlung der Gutachter oder Gutachterinnen abweichen’ darf. Das sieht ganz danach aus, dass im Kreise dieser Fakultatet sogar Selbstverstaendlichkeiten in einem besonderen Paragrafen festgeschrieben werden muessen, um Missbrauch einzudaemmen. Das sollte zu denken geben.

Ferner hoffe ich, dass mein Anliegen nicht nur deshalb von Ihnen abgelehnt wurde, weil es hier nicht um das Fehlverhalten eines Nachwuchswissenschaftlers ging wie in den Faellen Schavan oder Lammert und anderen, sondern um Fehlverhalten aus den Reihen der Professorenschaft. Oder ist davon auszugehen, dass bei Verdacht auf unredliches Verhalten seitens der Professorenschaft weniger strenge Massstaebe angelegt werden, um die eigene Klientel zu schonen? Meiner Ansicht wuerden Sie mit Ihrer wiederholten Ablehnung meines Antrages das hohe Gut der Selbstkontrolle des Wissenschaftsbetriebes in Frage stellen, ein Privileg, das in einem Rechtsstaat eigentlich erst verdient und nicht missbraucht werden sollte.

Um Ihnen auch eine fachlich inhaltliche Bewertung meiner Habilitationsarbeiten zu erleichtern, fuege ich eine aktuelle Publikationsliste bei. Sie enthaelt auch solche Publikationen und Vortraege, die zum Thema erst nach der Ablehnung der Habilitation erschienen sind und von mindestens 15 weiteren internationalen Gutachtern positiv bewertet wurden.

Meiner Ansicht nach sind der CAU bei der Beurteilung meiner Habilitationsarbeiten erhebliche Fehler unterlaufen, die ich dringend zu klaeren bitte. Diese Fehler haben meine Reputation und Perspektiven als Wissenschaftler entscheidend beeintraechtigt. Sie werden verstehen, dass ich fuer den Fall einer Ablehnung meines Antrages weitere Schritte einleiten werde. Ich bitte um baldige Benachrichtigung, ob die Kommission meinem Antrag entspricht.

Mit freundlichem Gruss,

 

1 Anlage: Publikationsliste Schleiff

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