Dr. Uwe Schleiff                                                                                                                                                                                                    Wolfenbuettel, Januar 2015

Freier Gutachter/(www.salinity.de)

Postfach 1934

D-38289 Wolfenbuettel

 

An das

Dekanat der Agrar- und Ernaehrungswissenschaftlichen Fakultaet der Christian Albrecht

Universitaet Kiel, Prof. Dr. E. Hartung

Ministerium fuer Wissenschaft der Landesregierung Schleswig-Holstein, Wissenschafts-

staatssekretaer Herr Rolf Fischer

 

Praesident der DFG, Prof. Dr. P. Strohschneider

Ombudsman fuer die Wissenschaft Prof. Dr. Wolfgang Loewer, Universitaet Bonn

Prof. em. Dr. Dr. H.P. Blume am Institut fuer Pflanzenernaehrung und Bodenkunde der

Agrar  wissenschaftlichen Fakultaet der CAU Kiel

 

 

OFFENER BRIEF

 

Betr.: Agrarwissenschaftliche Fakultaet der Christian Albrecht Universitaet Kiel lehnt Beur-

teilung einer Habilitationsarbeit auf Basis der DFG-Empfehlungen zur ‚Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis’ wiederholt ab

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

interessierte Oeffentlichkeit, Mitstreiter und Kollegen,

 

mit diesem ‚Offenen Brief’ moechte ich am Umgang mit meiner Habilitationsarbeit ein aktuelles Beispiel dafuer geben, wie schwer sich Institutionen der Wissenschaft wie die Agrarwissenschaftliche Fakultaet der Christian Albrecht Universitaet Kiel (CAU) nach wie vor mit der Umsetzung der DFG-Empfehlungen zur ‚Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis’ in die Praxis tun. Dabei ist durchaus begruessenswert ist, dass sich die Leitung der CAU sogar oeffentlich dazu bekennt, eine ‚Vorreiterrolle’ bei der Qualitaetskontrolle ein-nehmen zu wollen. Laut Prof. Kempken soll es auch keine Verjaehrungsfrist fuer Fehlverhalten geben (Kieler Nachrichten vom 22.05.2013, Martina Drexler), denn Wissenschaft verjaehrt bekanntlich nicht.

Meiner Kritik an meinem Habilitationsverfahren stelle ich eine Kurzfassung der Kern-aussagen meiner Habilitationsarbeit voran. Dies ist aus meiner Sicht deshalb erforderlich, weil die CAU und die Agrar-Fakultaet mein Anliegen, eine Bewertung meiner wissenschaft-lichen Arbeit auch unter fachlich-inhaltlich Aspekten vorzunehmen (und nicht nur formalen), ablehnt.

Diesem OFFENEN BRIEF geht eine langjaehrige und zaehfluessige Korrespondenz mit verschiedenen Institutionen des deutschen Wissenschaftsbetriebes (Agrarfakultaet der CAU, DFG. Ombudsmaennern, Kultusministerium Schleswig-Holstein) voraus, die dem interessierten Leser auch auf der Website (pedologenfilz.de) zugaenglich gemacht wird:

 

  • Meine Habilitationsschrift (Titel: ‚Salztoleranz von Kulturpflanzen unter besonderer Beruecksichtigung der Salzgehalte des wurzelnahen Bodens’) einschliesslich eingereichter Publikationen ist nach wie vor ein richtungsweisender Beitrag fuer ein vertieftes Verstaendnis der bodenbasierten Salztoleranz von Pflanzen im Bewaesserungsfeldbau. Folgende Kernaussagen sind ein signifikanter Fortschritt:

(1) Abnehmendes osmotisches und matrisches Bodenwasserpotential unterscheiden sich grundsaetzlich in ihrer quantitativen Wirkung auf die Wasserversorgung von Pflanzen.

(2) Der transpirationsbedingte Wasserentzug durch Wurzeln verursacht die Entstehung lateraler Salzgradienten zwischen wurzelferner und –naher Bodenloesung. Die Gradienten sind pflanzenspezifisch und beeinflussen die Pflanzenwasserversorgung und damit Salztoleranz entscheidend.

(3) Der Aufbau lateraler Salzgradienten in der Wurzelumgebung wird massgeblich von der Wurzelmorphologie bestimmt. Unterschiede in der Wurzelmorphologie sind daher ein wichtiger Schluessel zum vertieften Verstaendnis der bodenbasierten Salztoleranz und eindeutig wissenschaftliches Neuland.

 

  • Als Habilitationsleistung habe ich eine zusammenfassende Uebersicht (141 Seiten) und insgesamt 15 Publikationen vorgelegt, davon 3 Kurzmitteilungen und 10 ‚full papers’ in nationalen und internationalen Fachzeitschriften mit Gutachtersystem. Insgesamt wurden die Publikationen meiner Habilitationsleistung mindestens 20mal von externen Gutachtern positiv bewertet.

 

  • Im Auftrage der Fakultaet leitete Prof. H.P. Blume das Habilitationsverfahren. Meine Habilitationsleistung wurde vier Professoren zur Begutachtung vorgelegt: A. Amberger/ Weihenstephan, H.P. Blume/Kiel, A. Finck/Kiel und K. Mengel/Giessen. Der langjaehrige und fachkompetente Foerderer meiner Arbeiten, Prof. G. Schaffer, Leichtweiss-Institut der TU Braunschweig, wurde nicht eingebunden. Auf der Basis dieser Gutachten lehnte die Fakultaet meinen Habilitationsantrag ab. Einblick in die Gutachten erhielt ich damals nicht.

 

  • Jahre nach der Ablehnung erhielt ich endlich Zugang zu den Gutachten. Die Gutachten der Professoren Amberger und Finck sind positiv und unstrittig. Sie muessen aus meiner Sicht nicht noch einmal diskutiert werden. Von Prof. Blume liegen mir zwei Gutachten mit wider-spruechlicher Schlussfolgerung vor, zuerst ein ablehnendes und spaeter ein befuer-wortendes. Das Ablehnende wurde mir von der Fakultaet zugeschickt (aber nicht sein Positives), das Befuerwortende spaeter von Prof. Blume persoenlich. Ich gehe davon aus, dass seine spaetere Version gueltig ist und sich damit drei Gutachter fuer eine Annahme der Arbeit aussprachen.

 

  • Einzig entgegen steht das Gutachten von Prof. K. Mengel, der von Prof. H.P. Blume bestellt wurde und erklaerter Gegner von Prof. A. Finck ist. Er spricht sich entschieden gegen die Annahme der Arbeit aus mit der Begruendung, ‚tatsaechlich neue Erkenntnisse wurden mit keinem der aufgefuehrten Ergebnisse gewonnen’. Meine im ersten Absatz genannten neuen Erkenntnisse werden ignoriert und/oder abgestritten. Bestritten wird eine wichtige neue Erkenntnis zur Wirkung abnehmender Bodenwasserpotentiale (Ψm + Ψo) auf die Wasseraufnahme durch Wurzeln, die eben nicht einfach additiv wirken wie bisher angenommen wurde. Spaeter bestaetigen mehrere Autoren die Ergebnisse meiner Arbeit (z.b. Schmidhalter, Vetterlein, Barrett-Lennard).

Aber selbst Prof. K. Mengel weist in einem an mich persoenlich gerichteten Schreiben daraufhin, dass auch fuer ihn meine dies bezueglichen Erkenntnisse ‚tatsaechlich sehr ueberraschend’ sind. Aus diesem Widerspruch zwischen seiner entschiedenen Ablehnung im offiziellen Gutachten und seinem persoenlichen Brief folgere ich, dass er sich in seinem Gutachten wohl nicht nur von fachlich wissenschaftlichen Argumenten leiten liess. Meiner Ansicht nach wirft dieses Verhalten die berechtigte Frage auf, ob die Fakultaet dem Urteil dieses einen Gutachters nicht unangemessen viel Gewicht beigemessen hat.

 

  • Die Ablehnung meiner Habilitationsleistung durch die Fakultaet basiert damit auf einem einzigen negativen Gutachten, dem zu diesem Zeitpunkt insgesamt etwa 25 positive anerkannter Fachleute gegenueber standen. Wenn man ausserdem die Gutachten von 8 weiteren Publikationen einbezieht, die nach Ablehnung der Habilitation in Fachzeitschriften mit Gutachtersystem erschienen sind, so wurden meine Arbeiten insgesamt etwa 40mal positiv bewertet.

 

Vor diesem Hintergrund ist fuer mich die Ablehnung meiner Habilitationsarbeit durch die Fakultatet und insbesondere die Mitteilung der CAU, dass es ‚keine Anhaltspunkte fuer ein Vorliegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens’ seitens der Fakultaet gaebe, nicht nachvollziehbar. Fachliche Gruende fuer die Entscheidung werden nicht genannt, Transparenz sieht anders aus. Meiner Ansicht nach hat hier die so oft beschworene ‚Selbstkontrolle in der Wissenschaft’, mit der man ohne rechtsstaatliche Eingriffe in den Wissenschaftsbetrieb eine ‚gute wissenschaftliche Praxis’ gewaehrleisten will, klaeglich versagt. Selbst Erwaegungen der DFG, einer wissenschaftlichen Institution bei Nichteinhaltung der ‚Regeln guter wissenschaftlicher Praxis’ Finanzierungen in Frage zu stellen, sind offensichtlich kein Mittel, die CAU zum Einhalten dieser Regeln zu bewegen. Dass unter solchen Umstaenden wissenschaftlicher Fortschritt ‚erfolgreich’ gefaehrdet wird, soll hier nur am Rande erwaehnt werden.

 

Mein Anliegen ist nach wie vor, eine transparente Bewertung meiner Habilitations-arbeit einschliesslich der zugehoerigen Publikationen nach objektiven, wissenschaft-lichen Kriterien, wie in den DFG-Empfehlungen zur ‚Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis’ vorgeschlagen, zu erreichen. Die meiner Ansicht nach willkuerliche und fachlich unbegruendete Ablehnung meiner Habilitationsarbeit bedeutete schliesslich auch einen tiefen Einschnitt in meiner Lebensfuehrung.

 

 

Wolfenbuettel,           Januar 2015                                                                                                                                                                          Dr. Uwe Schleiff