Prof. em. Dr. H.P. Blume

Agrarwissenschaftliche Fakultaet

Universitaet Kiel/Uni-Kiel

Institut fuer Pflanzenernaehrung und Bodenkunde

Hermann-Rodewaldstr. 2

24118 KIEL

Betr.: Habilitationsakte Schleiff

Wolfenbuettel, 25.07.2015

Lieber Herr Blume,

es freut mich, gelegentlich zu lesen oder zu hoeren, dass Sie sich einer altersgemaess guten Gesundheit erfreuen duerfen und nach wie vor engagiert arbeiten koennen. Arbeit ist auch mir wichtig und deshalb befasse ich mich auch weiterhin wissenschaftlich mit der Thematik mei-ner Habilitationsschrift ‚Salztoleranz’, mit der ich ja in Kiel erfolglos war, siehe auch meine aktuelle Publikationsliste im Anhang. Ich wuerde mich freuen, wenn Sie sich die Zeit nehmen, meine Schlussfolgerungen aus der Einsicht in die Habilitationsakte zur Kenntnis zu nehmen.

Anlaesslich meines Besuches in Kiel bei Prof. A. Finck und Prof. K.H. Muehling am 15./16.6.2015 habe ich endlich mit Genehmigung des jetzigen Dekans auch einen Blick in die Akte zu meinem Habilitationsverfahren werfen duerfen. Ich moechte Ihnen meinen Eindruck mitteilen, was nach Aktenlage im wesentlichen zur Ablehnung meiner Arbeit beitrug. Als Bodenkundler waren Sie meiner Arbeit fachlich am naechsten und federfuehrend an der Durchfuehrung des Verfahrens beteiligt. Ich selber war ja damals zunaechst an der TU-Braunschweig und spaeter an der ETH-Zuerich taetig und erfuhr von Prof. A. Finck per Brief in groben Zuegen vom Stand des Verfahrens.

Erinnern moechte ich in diesem Zusammenhang auch daran, dass der Ausgangspunkt fuer meine Forschungsrichtung konkrete Ergebnisse aus Bewaesserungsversuchen mit Brack-wasser (bis zu 10 dS/m) im Feldversuch waren, an denen ich in Hofuf/Saudi Arabien beteiligt war und deren Ergebnisse Anlass zu Zweifeln am damaligen Wissensstand gaben. In dem konkreten Praxisbezug meiner Forschung sehe ich auch einen grundsaetzlichen Unterschied zu den vielen Arbeiten, die im Laufe der Jahrzehnte in der deutschen Agrar-Wissenschaft zu Fragen der Salztoleranz/-resistenz entstanden sind. In Deutschland hatte damals niemand auch nur annaehernd soviel konkrete Erfahrung mit dem international so bedeutsamen Thema ‚Brackish Water Irrigation und Crop Salt Tolerance’ wie ich, eingeschlossen saemtliche Gutachter.

Aus der Korrespondenz mit Prof. A. Finck geht eindeutig hervor, dass meine Arbeit anfaenglich von allen informierten Mitgliedern der Fakultaet fachlich sehr positiv bewertet wurde (teilweise sogar ueberschwenglich), was sich im Zuge des Verfahrens aus nicht-fachlichen Beweggruenden ins Gegenteil verkehrte.

Zu folgenden Punkten, die ich der Akte entnommen habe, moechte ich Stellung nehmen und Ihnen einige Hintergrundinfos geben, die zur Ablehnung wesentlich beigetragen haben:

  • Das Gutachten F. Fuehr/KFA-Juelich faellt eindeutig sehr positiv aus. Der Autor und

sein Institut fuer Radioagronomie der KFA-Juelich hatten durch ihre jahrelange, enge Zusam-menarbeit mit Pakistan in Deutschland wohl mit am meisten Erfahrung mit der Thematik ‚Salztoleranz’ (Wienecke, Roeb etc). Dieses positive Gutachten wird auf Betreiben von Prof. H. Boerner aus der Habil.-Bewertung ausgeklammert. Er ist es auch, der in einer Stellung-nahme vom 13.04.1984 zum Ergebnis kommt, dass lediglich ein positives Gutachten vorlie-gen wuerde (von Prof. A. Finck), weil auch Ihr Gutachten wegen allgemeiner kritischer Anmerkungen negativ zu bewerten sei. Prof. H. Boerner ist studierter Biologe (Nicht-Landwirt) und Phytopathologe, der sich mit der Thematik der Habilitation nicht einmal am Rande auskannte und sich deshalb ja auch nicht fachlich aeusserte. Was kann nun ein fachfremdes Mitglied des Habilitationsausschusses zu einer so engagierten Beteiligung an der Ablehnung meiner Habilitationsarbeit bewegen? Fachliche Motive werden nicht genannt und koennen es mangels Qualifikation ja wohl nicht gewesen sein.

  • Eine Antwort auf diese Frage nach der Motivlage erhaelt man, wenn man einen Blick

in die Protokolle der Sitzungen der Agrarfakultaet im Sommersemester 1970 wirft, wahr-scheinlich die Sitzung, die vor dem Pruefungszeitraum vom 13.07. – 25.07.1970 stattfand. Auf dieser Sitzung wurde auf Antrag von mir und eines Semesterkollegen beschlossen, dass wir unsere Pruefung nicht in einem ‚stillen Kaemmerlein’, sondern im Rahmen einer oeffentlichen Pruefung ablegen durften. Diesen Antrag stellten wir, weil wir Prof. H. Boerner zutrauten, uns unabhaengig von unserer tatsaechlichen Pruefungsleistung aus persoenlichen Gruenden durchfallen zu lassen. Diesem Antrag war eine Meinungsverschiedenheit zwischen Studenten und Prof. H. Boerner ueber den unzureichenden Praxisbezug seines Praktikums vorausgegangen. Das Praktikum bestand, wie bei Biologen damals oft ueblich, fast aus-schliesslich aus Zeichnen von Insekten etc. Das fuer Landwirte so wichtige Erkennen von Schadbildern, auch im Felde, spielte fast keine Rolle. Diese Kritik nahm Prof. H. Boerner unerwartet persoenlich, so dass wir alles andere als eine objektive Bewertung unserer Pruefungsleistung erwarteten. Ohne diese oeffentliche Pruefung haette Prof. H. Boerner mich hoechst wahrscheinlich schon damals ‚aus dem Verkehr gezogen’, unabhaengig von meiner tatsaechlichen Leistung. Als Note erhielt ich ein gut-befriedigend.

Prof. K. Mengel/Giessen nahm die Aufforderung zu einem Gutachten gerne an, sah sich aus persoenlicher Animositaet gegen Prof. Finck, meinem Foerderer, aber nachweislich nicht zu einem fachlich korrekten Gutachten in der Lage. Auch er kannte meine Arbeiten aus dem DFG-Schwerpunkt ‚Rhizosphaere’ und zeigte sich mir persoenlich gegenueber immer angetan.

  • Ich habe der Akte entnommen, dass sich der Ausschuss mit der Bestellung von Gut-

achtern viel Muehe gemacht hat. Mit der Auswahl eines Gutachters ist oft schon ein Urteil gefaellt. Prof. J. Wehrmann/Hannover, der auch als potentieller Gutachter in Erwaegung gezogen wurde, aeusserte sich mir gegenueber einmal sinngemaess folgendermassen: ‚Von Ihrem Arbeitsgebiet versteht in Deutschland kein Bodenkundler oder Pflanzenernaehrer etwas. Weltweit moegen es vielleicht 5000 bis 6000 Wissenschaftler sein, die sich mit Ihrem Problem befassen, Israel und USA voran. Und Sie arbeiten an einem Wasserbauinstitut in Braunschweig mit Ingenieuren und behaupten, etwas Neues erforscht zu haben. Das koennen Sie doch selber auch nicht glauben.’ Konsequenterweise lehnte er wie andere auch (H. Marschner, A. Jungk) eine Teilnahme an der Begutachtung ab. Diese Offenheit ehrt Prof. Wehrmann und trifft ein Problem, aber eine wissenschaftlich fachliche Klaerung sieht anders aus. Prof. A. Amberger/Weihenstephan, der meine Arbeit als Fachgutachter im DFG-Schwer-punkt ‚Naehrstoffdynamik im Kontaktraum Pflanze/Boden (Rhizosphaere)’ ueber Jahre begleitet und positiv bewertet hatte, wurde leider nicht einbezogen. Auch Prof. G. Schaffer, Bodenkundler am Institut fuer Wasserbau der TU-Braunschweig und mein langjaehriger Betreuer, der in Deutschland sicher am besten mit meiner wissenschaftlichen Arbeit vertraut war, wurde uebergangen. Prof. H. Marschner war so interessiert an meinem Thema, dass er es nach meinem Scheitern in seine eigene Arbeitsgruppe uebernahm, was dann zur Habilitation von D. Vetterlein fuehrte. Allerdings wurde das wissenschaftliche Potential dieser Thematik nicht ansatzweise erkannt, weil der Bezug zur Bewaesserungspraxis fehlte.

  • In die engere Wahl als Gutachter kam auch Prof. J.J. Oertli/ETH Zuerich vom Institut

fuer Pflanzenwissenschaften. Sie kannten ihn wohl persoenlich noch aus Ihrer gemeinsamen Hohenheimer Zeit. Prof. Oetli kannte meine Publikationen und hatte mich nach 1980 mehr-fach angesprochen, doch an seinem Institut eine Oberassistenstelle anzunehmen. Ab August 1984 ging ich dann an sein Institut. Dieser Arbeitsvertrag war auf zwei Jahre befristet und deshalb liess ich mir zur Absicherung meiner beruflichen Zukunft eine Nebentaetigkeit als freier Gutachter vertraglich zusichern. Dies war auch deshalb notwendig, weil ich schon einen Vorvertrag mit der GTZ fuer einen China-Einsatz unterschrieben hatte. Als sich der China-Einsatz nach einigen Monaten konkretisierte, konnte Prof. Oertli sich nicht mehr an diese Klausel ueber meine Nebentaetigkeit erinnern und beanspruchte den geplanten GTZ-Vertrag fuer sich. Das konnte ich der GTZ nicht zumuten und habe deshalb fuer die Durchfuehrung der Chinastudie Urlaub beantragt und bekommen. Als Prof. Oertli jedoch von meiner Chinareise erfuhr, verlor er die Nerven und schickte mir unmittelbar nach meinem Abflug von seiner Privatwohnung bei Basel an meine Privatadresse die Kuendigung mit sofortiger Wirkung, ganz nach Gutsherrenart. Er hatte wohl noch nicht verstanden, dass ich einen Arbeitsvertrag mit der ETH hatte und nur sie mir kuendigen kann. Von da an war das Arbeitsverhaeltnis mit Prof. Oertli zwar zerruettet, aber die ETH-Leitung sorgte dafuer, dass ich fuer meine Forschung relativ gute Arbeitsbedingungen hatte.

  • Der Habil.-Akte entnehme ich, dass Sie im Juni 1985 mit Prof. Oertli telefonisch

Kontakt aufgenommen haben mit der Bitte um ein Gutachten. Er lehnte dies ab, gab aber eindeutig zu verstehen, dass es negativ ausfallen wuerde. Ich kann diesen Vorgang bestaeti-gen, denn nach dem laengeren Telefonat mit Ihnen kam Prof. Oertli Freude strahlend zu mir und berichtete, dass er mir soeben mit diesem Telefonat saemtliche Perspektiven als Wissen-schaftler in Deutschland verbaut habe.

Was die wissenschaftliche Seite angeht, erinnere ich mich an einen Anruf von Prof. Oertli einige Monate nach meinem Ausscheiden. Er berichtete, dass man das ganze Institut nach meiner Versuchseinrichtung abgesucht, aber leider nichts gefunden habe. Man brauche diese Einrichtung unbedingt fuer die Weiterfuehrung meiner Versuche zum Problemkreis Salz-toleranz/Rhizosphaere, ich solle ihm doch bitte einen Tipp geben. Ich konnte mich leider nicht mehr erinnern und damit wurde meine Forschungsrichtung auch nicht weiter verfolgt.

In fachlicher Hinsicht ist festzustellen, dass Prof. Oertli einige Jahre spaeter eine Kernaus-sage meiner Habilitationsarbeit bestaetigen konnte. Ich vetrat ja seit etwa 1983/84 in Vortraegen und Publikationen die Auffassung, dass osmotisches und matrisches Boden-wasserpotential die Wasseraufnahme durch Pflanzen meist sehr unterschiedlich beeinflussen, was im Gegensatz zur damaligen Lehrmeinung stand. Zur gleichen Erkenntnis kam Prof. Oertli 1991 einige Jahre spaeter in einer Publikation (Plant and Soil 132, zusammen mit U. Schmidhalter), allerdings ohne meine entsprechenden Publikationen zu erwaehnen.

  • Um einer objektiven Bewertung meiner wissenschaftlichen Leistung naeher zu

kommen, haette ich mir gewuenscht, dass die Fakultaet gemaess §3 der Habilitationsordnung des Fachbereichs Agrarwissenschaften (13. April 1976) gehandelt haette. In §3 heisst es: ‚Dem Bewerber ist Gelegenheit zu geben, zu vorgebrachten Bedenken Stellung zu nehmen.’

Wenn Fakultaet und Habilitationsausschuss sich wirklich ein objektives Bild ueber meine wissenschaftliche Leistung haetten machen wollen, waere beispielsweise ein Fachvortrag mit ausfuehrlicher Diskussion eine geeignete Form gewesen, um gerade (meist fachfremde) Bedenkentraeger zu ueberzeugen. Ich habe das auch spaeter wiederholt angeboten, zumal ich um die Verstaendnisprobleme meines komplexen Themas in Deutschland sehr wohl weiss. Das gilt bis heute. Weiter fuehrende Experimente zum Thema ‚Salztoleranz von Pflanzen’ mit Boeden sind meiner Erfahrung nach um ein Vielfaches schwieriger als in Wasserkulturen, aber auch viel interessanter, da stimmen Sie mir sicher zu.

In Anbetracht dieser fuer mich teilweise neuen Erkenntnisse aus der Akte bin ich noch mehr ueberzeugt, dass vieles andere, nur nicht fachlich wissenschaftliche Argumente, eine entscheidende Rolle bei der Ablehnung meiner Habilitationsschrift gespielt haben. Hier wurde meiner Ansicht nach viel ‚schmutzige Waesche’ gewaschen, zum Schaden des wissenschaft-lichen Fortschrittes und meinem persoenlichen. Aus meiner Sicht war das Verfahren ein Schmierentheater, das der Uni Kiel und ihrer Agrar-Fakultaet eigentlich unwuerdig sein sollte. Angesichts dieser Hintergruende hoffe ich auf Ihr Verstaendnis, wenn ich nicht eher Ruhe geben werde, bevor die Fakultaet sich zu einer an der Sache orientierten Bewertung durch-gerungen hat. Ich waere Ihnen sehr dankbar, wenn Sie Ihr Ansehen dafuer einsetzen wuerden, dass die offensichtlichen Ungerechtigkeiten nachtraeglich von der Fakultaet korrigiert werden, gerade auch im Interesse eines unbeschaedigten, guten Rufes.

Eine Kopie meines Schreibens geht an Prof. Finck, damit auch er sich ein Bild von den Erkenntnisses meiner Akteneinsicht machen kann. Ich wuerde mich freuen, von Ihnen zu hoeren.

Mit den besten Gruessen, Ihr Uwe Schleiff

Prof. H.P. Blume antwortet mit Email vom 22.07.2015

Lieber Herr Schleiff,
besten Dank für Ihren Bericht, den ich gelesen habe. Ich verstehe Ihr Anliegen, meine aber, dass Sie stolz darauf sein können, was Sie fachlich im Leben u.a. als Direktor in Völkenrode erreicht haben (Kommentar: Missverstaendnis!!). Ich hocke an meinem letzten fachlichen Vorhaben, das ich noch 2015, dem von mir bei der UNO erreichten
Internationalen Jahr der Böden sowie dem 350. Geburtstag der Christiana Albertina realisieren möchte (s. Anlage). Diesem Buch werden Sie entnehmen können, daß sich bereits der Grieche Theophrast mit Ihrem Habilthema befasst hat.  Er war der meines Wissens erste, der auf der Grundlage von Versuchen Mineraldünger-Empfehlungen ausgesprochen hat.
Mit besten Grüßen
H.-P. Blume